Schminke und Retusche?

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Oder warum professionelle Fotos so viel Arbeit machen.

Personenfotos

Dass jeder, der im Fernsehen auftritt, vorher geschminkt wird, ist allgemein bekannt. Das Gleiche gilt für Fotomodelle. Man macht das, um Hautunreinheiten zu verdecken und auch um die Hautfärbung, den Teint, zu verbessern. Wenn das nicht möglich ist, greift man seit jeher zu Pinsel, Farbtopf und anderen Hilfsmitteln, mit anderen Worten: man retuschiert. Nun nimmt man im digitalen Zeitalter natürlich digitale Pinsel und Farben mittels Photoshop und Kollegen, aber das Prinzip ist dasselbe.

Um den vielen Zeitungsmachern die Arbeit zu erleichtern, haben findige Köpfe da sogar Programme geschaffen, die diese Arbeiten weitgehend automatisch machen. Den Effekt kann man Woche für Woche am Zeitungskiosk sehen: Gesichter (und auch Figuren), die bis zum Geht-nicht-mehr geschönt sind und die abgebildeten Personen fast unkenntlich machen. Auch unsere Kanzlerin hatte man bei der letzten Bundestagswahl für die Plakatierungen ein solches radikales digitales Makeup verpasst – nicht zu ihrem Vorteil übrigens.

Produktfotos

Soweit die Praxis bei Personenfotos. Wie aber sieht es aus, wenn Maschinen und Geräte fotografiert werden sollen? Kann man die auch schminken? Sie werden lachen: ja, man kann. Gerade bei Produktfotos für teure Werbekampagnen macht man sich auch heute noch oft die Mühe, ein speziell geschöntes Modell ohne Lackfehler nur für den Fotografen herzurichten, auch wenn das nur die Hülle ist. Ein anderes Beispiel sind Fotos von Lebensmitteln und Gerichten, die nachher schön aussehen aber in Wirklichkeit ungenießbar sind.

Gut, soweit gehen wir in der Praxis selten, wenn wir Produktfotos machen (Das bezahlt uns keiner!), aber Putzlappen und Staubtuch brauchen wir immer. Dazu kommen manchmal noch so nette kleine Hilfsmittel wie das sogenannte „Dullingspray“, mit dem man analog zum Nasepudern die Spitzlichter auf Metall dämpfen kann. Darüber hinaus hilft die richtige Ausleuchtung mit weichem Licht bei der Aufnahme und natürlich ein vernünftiges Objektiv. Auch hier kann man schon bei der Aufnahme sehr viel herausholen. Wenn alle technischen und räumlichen Voraussetzungen stimmen (und der Fotograf sein Handwerk versteht), bekommt man im Idealfall ein Foto, an dem man nichts mehr verbessern muss.

Leider ist der Idealfall so selten wie sechs Richtige im Lotto. Irgendetwas ist immer verkehrt, verkratzt, verfärbt oder liegt im Dunkeln – und dann heißt es auch hier: retuschieren.

Retuschieren war in den guten alten Zeiten von Negativ und Positiv noch ein Teil der Ausbildung zum Fotografen, „Maschinenretusche“ gar ein Spezialgebiet für ausgebildete Grafiker, die mit Pinsel, Spritzpistole und Schablonen aus einem unvollkommenen Foto ein optisches Verkaufsargument machten. Die nachfolgende Abbildung habe ich dem Buch von Karl Sütterlin „Retusche – wann und wie“, VEB Fotokinoverlag Leipzig 1966, entnommen. Sie zeigt eindrucksvoll, was man aus einem einfachen Foto machen konnte, ja oft machen musste.

Zugegeben, das war bei den früher üblichen Schwarzweißabbildungen besonders wichtig, da hier Unterschiede ja nur durch Grauabstufungen und nicht durch Farbkontraste dargestellt werden. Fotos von Schuhen z. B. dienten nur als Grundlage für eine so komplette Überarbeitung, dass man eigentlich schon von einer Neuzeichnung sprechen konnte. Da haben wir es heute, da praktisch alles farbig produziert wird, leichter, aber Arbeit bleibt es doch – und deshalb sind professionelle Fotos immer noch teuer.

Ich stelle hier einmal ein paar Beispiele von Original und Endprodukt nebeneinander, die sehr schön zeigen, wie viel Retusche auch heute noch nötig ist, um ein Foto zu schaffen, das nicht nur mal schnell bei Ebay ein Objekt darstellen soll, sondern auch in hoher Vergrößerung ein brillantes Bild gibt.

Abbildung aus dem Buch von Karl Sütterlin „Retusche – wann und wie“, VEB Fotokinoverlag Leipzig 1966.


Original-Fotografie eines Messstabes (oben) und das überarbeitete Bild (unten).


Original-Fotografie eines Bedienpults (o.) und das überarbeitete Bild (u.).


Original-Fotografie eines Messgerätes (o.) und das überarbeitete Bild (u.).